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Beschädigtes Hardcover-Buch reparieren

Auch wenn ich persönlich mich oft mehr für das Äußere als das Innere eines Buches interessiere, darf man nicht vergessen, dass es am Ende des Tages ein Gebrauchsgegenstand bleibt. Bücher wollen (und sollen) gelesen werden, idealerweise mehr als einmal, und oft bauen Besitzer auch emotionale Beziehungen zu Büchern auf. Gerade schön gebundene Hardcover-Bücher aus Kindheitstagen haben meistens einen hohen Erinnerungswert.

Da ist es selbstverständlich, dass sie mit der Zeit und jeder weiteren „Benutzung“ immer ein bisschen mehr ausleiern, abgestoßene Ecken bekommen oder im Worst-Case sich das ganze Buch in seine Einzelteile zerlegt. Letzteren Fall hatte ich vor einiger Zeit auf meinem Schreibtisch liegen. Ein Arbeitskollege hatte mich gefragt, ob an dem Buch über Märchen und Sagen noch etwas zu retten sei, es hatte hohen Wert für seine Partnerin, die das Buch schon sehr lange besaß.

Der Zustand war, gelinde gesagt, „schwierig“:

Beschädigtes Buch mit durchtrenntem Vorsatzpapier

Buch mit fehlendem Buchrücken

Auf den ersten Blick war vom alten Hardcover nicht mehr viel übrig:

  • der Buchrücken fehlte komplett (dafür war das Kapitalband zum Glück noch vorhanden und intakt)
  • der Stoffeinband war an vielen Stellen so durchgescheuert, dass man den Karton darunter sah, insgesamt war alles ziemlich abgegriffen und speckig
  • das Vorsatzpapier war vorne wie hinten gerissen, sodass die beiden Buchdeckel nur noch an der Heftgaze hingen (und die war auch zu großen Teilen schon durchtrennt)

Was aber gut war: Der Buchblock war noch vollständig und unbeschädigt.

Das war für mich dann auch der Grund, die Reparatur zu versuchen.

Alten Buchblock für Reparatur vorbereiten

Buchreparatur, Cover wird von Buchblock getrennt

Als ersten Schritt habe ich den alten Buchblock von den ohnehin nicht zu rettenden Buchdeckeln vorsichtig mit einem Skalpell gelöst. Das Vorsatzpapier sollte eigentlich ganz weichen und durch ein neues ersetzt werden, leider war dieses noch mit den vordersten und hintersten Seiten verklebt. Damit die Seiten dem Buch nachher nicht fehlen, habe ich die verklebten Seiten aus einer Lage buntem Vorsatzpapier und erster Buchseite mit einem Skalpell und Lineal zu einer sauberen Kante geschnitten und mit einem dünnen Streifen Buchbinderleim direkt am Buchrücken wieder angeklebt. So war der Buchblock wieder vollständig, die Reste des bunten Vorsatzpapiers dienen nur noch der Optik.

Reparatur des Hardcover

Während das Ganze mit Schraubzwingen befestigt darauf wartete zu trocknen, habe ich den Buchrücken teilweise von der Hinterklebung und Teilen der Heftgaze befreit. Entweder durch unsaubere Verklebung oder durch die Alterung war beides nicht mehr flächig fest verklebt mit dem Buchrücken, sondern hatte sich teilweise gelöst. Um nicht den ganzen Buchblock neu kleben zu müssen, habe ich oben und unten die Verklebung so belassen wie sie war und lediglich mittig ein neues Stück Heftgaze aufgebracht, welches ich dann zum Befestigen für das neue Hardcover nutzen konnte.

Neues Hardcover

Neues Hardcover ohne Buchblock

Da der alte Einband nicht mehr zu retten war, habe ich einen komplett neuen hergestellt. Hierzu wurden drei Stücke Buchbinderpappe nach Maßen des Buchblocks zurecht geschnitten und anschließend mit neuem Leinen überzogen.

Wichtig hierbei ist, dass der Buchrücken deutlich dünner als die Buchdeckel sein sollte. Während die Deckel hauptsächlich dem Schutz des Buchblocks dienen, muss der Rücken flexibler sein, um bei häufiger Nutzung nicht Schaden zu nehmen. Die Deckel haben eine Stärke von 3 mm, der Rücken lediglich 1 mm. Zusätzlich habe ich den Rücken bereits vorsichtig in eine runde Form gebogen, damit er sich später ideal um den Buchblock schmiegt.

Verbinden von Buchblock und Hardcover

Aufgeschlagenes Buch in neuem Hardcover

Im letzten Schritt wurde dann der Buchblock mit dem neuen Hardcover verbunden. Hierzu habe ich neue Vorsatzpapiere vorne und hinten auf dem Buchblock aufgebracht. Das Cover wird dann offen auf den Tisch gelegt und der Buchblock mit dem Rücken auf den neuen Hardcoverrücken gestellt. Anschließend wird eine Seite des Hardcovers mit Leim bedeckt und Heftgaze sowie Vorsatzpapier vorsichtig runtergeklappt und glatt gestrichen. Danach wird auch die andere Seite mit Leim bedeckt und das Buch vorsichtig zugeklappt und mit Schraubzwingen zum Trocknen befestigt.

Da hier alles relativ zügig gehen muss, gibt es zu diesen Schritten leider keine Detailfotos 🙁

Im Bild oben und im nachfolgenden kann man schön sehen, wie ich beim Hardcover extra einen relativ großen Spalt zwischen Deckeln und Rücken gelassen habe, damit bei offenem Buch das Leinengewebe sich etwas einfalten kann und im geschlossenen Zustand schön glatt sitzt.

Detailsansicht des neuen Hardcovers

Alter Buchblock in neuem Hardcover

Alter Buchblock in neuem Hardcover

Und damit war das Buch fertig! Buchblock gerettet und das neue Hardcover sollte im Idealfall wieder viele Jahre halten, auch bei häufiger Nutzung.

Schade war allerdings, dass die Heißfolienprägung auf dem alten Cover nicht zu retten war. Ich hatte zuerst überlegt, die Prägung auszuschneiden und im neuen Einband wieder einzusetzen, leider war das Leinen aber schon so dünn gescheuert und verfärbt, dass ich mich letztendlich dagegen entschieden habe.

Kategorie: Buchbinden, Tutorials

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Seit mehr als 15 Jahren arbeite ich in verschiedenster Form mit Papier und bin dabei immer auf der Suche nach neuen, spannenden Anwendungen oder ungewöhnlichen Materialien. Dabei liegt mir immer die Herausforderung am Herzen.

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